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Prof. Georg Meyer

Interview mit Prof. Dr. Dr. h.c. Georg Meyer

Die anhaltende Kritik an Amalgam ist weder naturwissenschaftlich noch medizinisch begründbar

Wissenschaftlich betrachtet birgt Amalgam nicht die Gefahren, die ständig durch die Presse gehen, sagt Prof. Dr. Dr. Georg Meyer vom Freien Verband Deutscher Zahnärzte. Der Beschluss zum schrittweisen Ausstieg basiert für ihn vor allem auf politisch ideologisierten Argumenten. Anstelle anderer Materialien plädiert er für stärkere Prävention bei der Zahngesundheit.

 

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Amalgam war lange Zeit das Mittel erster Wahl für Zahnfüllungen. Welche Vorteile hat der Werkstoff gegenüber anderen Materialien? Welche Gefahren birgt Amalgam?

Prof. Dr. Dr. Georg Meyer: In vielen Ländern, beispielsweise in den USA, in England und in Frankreich ist Amalgam nach wie vor das Standardmaterial in der Füllungstherapie und fester Bestandteil in der praktischen Ausbildung von Zahnmedizinstudenten. In Deutschland gilt das nur noch sehr bedingt. Dies ist sicherlich auch unserem kuriosen Abrechnungssystem geschuldet, das Anwender von Amalgam eher benachteiligt.

Dabei ist durch viele Studien belegt, dass Amalgamfüllungen die weitaus größte Langzeithaltbarkeit im Vergleich zu anderen plastischen Füllungsmaterialien haben. Diese Vorteile werden im stark belasteten Seitenzahnbereich sowie bei zunehmender Größe des Hohlraums im Zahn besonders deutlich. Der Werkstoff Amalgam ist der am meisten untersuchte Füllungswerkstoff weltweit, und er hat bei korrekter wissenschaftlicher Betrachtung auch nicht annähernd die Gefahren, von denen in der Presse oft berichtet wird.

Inzwischen ist Amalgam als Füllmaterial stark umstritten. Ist die Kritik Ihrer Ansicht nach berechtigt?

Prof. Dr. Dr. Georg Meyer: Aufgrund meiner eigenen Mitarbeit in den Wissenschaftskomitees der Weltzahnärzteschaft (FDI) sowie der europäischen Zahnärzte (CED) weiß ich, dass Amalgam als Füllungsmaterial unter Wissenschaftlern weitestgehend unumstritten ist und als vernünftiger medizinisch vertretbarer Kompromiss zur Wiederherstellung zerstörter Zähne gilt. Grundsätzlich sollte man sich immer wieder vor Augen führen, dass jede medizinische Maßnahme letztendlich ein nutzbringender Kompromiss ist, angefangen von Röntgenaufnahmen, der Einnahme von Medikamenten bis hin zu operativen Eingriffen.

Bezeichnenderweise ist Amalgam als Füllungsmaterial nicht bei Wissenschaftlern, sondern bei ideologisierten Politikern, vielen Journalisten und auch Patienten umstritten, denen insgesamt die naturwissenschaftlichen Grundlagen zur biomedizinischen Einschätzung dieses Füllungsmaterials nicht geläufig sind. Wie sagte schon Homer in der Ilias: „Wir gehorchen allein dem Gerücht und wissen durchaus nichts“.

Trotz der anhaltenden Kritik sind Amalgam-Füllungen oft weiterhin fester Bestandteil der Zahnbehandlung. Wie vertretbar ist die Verwendung Ihrer Ansicht nach aus ökologischer und gesundheitlicher Perspektive noch?

Prof. Dr. Dr. Georg Meyer: Die anhaltende Kritik an Amalgam-Füllungen ist weder naturwissenschaftlich noch medizinisch begründbar. Unter ökologischen Aspekten hat Amalgam völlig andere Eigenschaften als freies Quecksilber, obwohl manche umweltengagierten Politiker beides in einen Topf werfen. So wird sich bei politischen Diskussionen um den wünschenswerten Schutz der Umwelt vor freiem Quecksilber gerade auch in Brüssel immer wieder auf zahnärztliches Amalgam fokussiert, weil es Quecksilber enthält.

Wissenschaftliche Laien verstehen aber nicht, dass dieses Quecksilber im Amalgam erheblich stabiler eingebunden ist als beispielsweise in natürlichen Vorkommen wie Zinnober. Jeder naturwissenschaftliche Laie weiß, dass Kochsalz, also Natriumchlorid, völlig andere Eigenschaften hat als Chlor beziehungsweise Natrium bei isolierter Betrachtung. Unter gesundheitlichen Perspektiven ist Amalgam nach wie vor ein vernünftiger medizinischer Kompromiss in der zahnmedizinischen Therapie.

Das Europaparlament hat beschlossen, dass ab 1. Juli 2018 bei der Behandlung von Kindern und Jugendlichen kein Amalgam mehr verwendet werden darf. Wie beurteilen Sie diese Entscheidung?

Prof. Dr. Dr. Georg Meyer: Da ich selbst im wissenschaftlichen Vorfeld unter anderem in die Entscheidungsfindung zum Minamata-Übereinkommen eingebunden war, kann ich nur bestätigen, dass die Beschlüsse des Europaparlaments zum zahnärztlichen Amalgam nicht auf wissenschaftlicher Forschung basieren. Trotz massiver Einwendungen europäischer Wissenschaftler (CED, SCEHNIR) wollten ideologisierte, rein politische Kommissionen der EU in Brüssel, zum Beispiel der Ausschuss für Umweltfragen, öffentliche Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (ENVI), Amalgam völlig verbieten. Somit ist die Parlamentsentscheidung aufgrund der Einsprüche nationaler zahnärztlicher Organisationen als ein Kompromiss zu betrachten.

Während man in der Wissenschaft seit einigen Jahren anfängt, über die biomedizinischen Eigenschaften von Kompositen kritisch nachzudenken und zu forschen, sind offenbar Kompositfüllungen in den Köpfen vieler Politiker ökologisch und biomedizinisch per se die Guten. Aus wissenschaftlicher Sicht sind aber alle Füllungsmaterialien gleichermaßen ein medizinischer Kompromiss. Die einzig seriöse Alternative ist eine flächendeckende Prävention, mit der sehr viele Füllungen vermieden werden können.

Sehen Sie für die Verwendung von Amalgam noch eine Zukunft in der Zahnmedizin, würden Sie beispielsweise Patienten eine Behandlung mit Amalgam empfehlen?

Prof. Dr. Dr. Georg Meyer: Schwangeren Frauen empfehlen wir weder Amalgam noch Komposite, sondern raten dann eher zu reinen Glasionomerzement-Füllungen. Eine temporäre Zukunft für das medizinisch unbedenkliche Amalgam sehe ich in der Altersmedizin, weil hier häufig unter schwierigen Bedingungen gearbeitet werden muss und deshalb die Vorteile des leicht zu verarbeitenden Amalgams besonders zum Tragen kommen.

Gleiches gilt für jegliche Art von zahnärztlichen Vollnarkosebehandlungen. Hierbei haben Amalgam-Füllungen Studien zufolge eine weitaus längere Haltbarkeit als andere Materialien. Wird dagegen auf Amalgam verzichtet, kann es sein, dass die Intervalle zwischen den Narkosen verkürzt werden müssten, sodass ohne Amalgam häufiger Narkosebehandlungen nötig wären. Allein aus ethischen Gründen ist der Verzicht daher nicht vertretbar.

Darüber hinaus gibt es sehr viele Patienten, die - im Gegensatz zu manchen Zahnärzten - kein Problem mit Amalgamfüllungen haben. Hier würde ich diese nach wie vor empfehlen, wie es ja in vielen Ländern der Welt normal ist.

Welche Alternativen schlagen Sie vor?

Prof. Dr. Dr. Georg Meyer: Die beste Alternative für jegliches Füllungsmaterial ist eine bevölkerungswirksame Prophylaxe. Generell gilt, dass sich mit abnehmender Größe der Füllungen deren Langzeithaltbarkeit erhöht – und zwar bei jedem Füllungsmaterial. Bei größeren Füllungen werden zukünftig CAD/CAM-basierte Restaurationsverfahren, also ein computergestützt konstruierter und gefertigter Zahnersatz, eine vernünftige Alternative sein, gerade auch unter Kostengesichtspunkten. Unter biomedizinischen Gesichtspunkten sind Keramiken, sowie Gold- und Nicht-Edelmetall-Legierungen sicherlich günstiger einzuschätzen als Amalgam und Komposite.

Vielen Dank für das Interview, Prof. Dr. Dr. Meyer.